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Ratgeber

SIA 112: Die Phasen des Leistungsmodells verständlich erklärt

Wer in der Schweiz baut oder plant, arbeitet — ausgesprochen oder nicht — mit dem SIA-Leistungsmodell. Es ist die gemeinsame Sprache von Bauherrschaft, Planenden und Behörden für den Ablauf eines Bauprojekts.

9 Min. LesezeitVon Leutrim Miftaraj
Kurz gesagt

Das Leistungsmodell SIA 112 gliedert Bauprojekte in sechs Phasen: 1 Strategische Planung, 2 Vorstudien, 3 Projektierung, 4 Ausschreibung, 5 Realisierung und 6 Bewirtschaftung. Jede Phase ist in Teilphasen unterteilt, etwa Vorprojekt, Bauprojekt und Bewilligungsverfahren in der Projektierung. Es dient als gemeinsame Struktur für Leistungsbeschreibung, Planerverträge und Honorare.

Wozu das Leistungsmodell dient

Die Norm SIA 112 des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins beschreibt den Ablauf eines Bauprojekts als Folge von Phasen und Teilphasen. Sie legt fest, welche Leistungen typischerweise wann erbracht werden und welche Entscheide die Bauherrschaft an den Übergängen trifft. Damit bildet sie die Grundlage, auf der Leistungs- und Honorarordnungen wie SIA 102 für Architektinnen und Architekten oder SIA 103 für Bauingenieure die Leistungen der Planenden beschreiben und vergüten. Wer von «Phase 32» spricht, wird in jedem Schweizer Planungsbüro verstanden.

Die sechs Phasen im Überblick

PhaseTeilphasenKernergebnis
1 Strategische Planung11 Bedürfnisformulierung, LösungsstrategienKlar formuliertes Bedürfnis und Strategie
2 Vorstudien21 Definition des Bauvorhabens, Machbarkeitsstudie; 22 AuswahlverfahrenMachbarkeit, Projektdefinition, Wahl des Planungsteams
3 Projektierung31 Vorprojekt; 32 Bauprojekt; 33 Bewilligungsverfahren, AuflageprojektGenehmigungsfähiges Projekt, Kostenvoranschlag, Baubewilligung
4 Ausschreibung41 Ausschreibung, Offertvergleich, VergabeantragVergabereife Offerten
5 Realisierung51 Ausführungsprojekt; 52 Ausführung; 53 Inbetriebnahme, AbschlussFertiges, übergebenes Bauwerk
6 Bewirtschaftung61 Betrieb; 62 ErhaltungBetrieb und Werterhalt

Strategische Planung und Vorstudien

In den ersten beiden Phasen wird entschieden, ob und was gebaut wird. Die Bauherrschaft formuliert ihr Bedürfnis, prüft Lösungsstrategien — Neubau, Umbau, Miete — und lässt die Machbarkeit untersuchen. In der Teilphase 22 wird häufig das Planungsteam über ein Auswahlverfahren wie einen Wettbewerb oder Studienauftrag bestimmt. Fehler in diesen Phasen sind die teuersten, weil alle späteren Leistungen auf ihnen aufbauen.

Projektierung: vom Vorprojekt zur Baubewilligung

Im Vorprojekt wird eine Lösung konzeptionell ausgearbeitet und mit einer Kostenschätzung hinterlegt. Das Bauprojekt konkretisiert sie so weit, dass ein Kostenvoranschlag mit definierter Genauigkeit möglich ist. Im Bewilligungsverfahren wird das Projekt öffentlich aufgelegt und von der Behörde geprüft. Für die Projektsteuerung ist die Projektierung die Phase, in der die grössten Kostenentscheide fallen — und in der Änderungen noch vergleichsweise günstig sind.

Kostengenauigkeit

Mit jeder Phase steigt die Genauigkeit der Kostenangaben: von der groben Schätzung in den Vorstudien über die Kostenschätzung im Vorprojekt bis zum Kostenvoranschlag im Bauprojekt. Die jeweils erwartete Genauigkeit sollte vertraglich festgehalten werden.

Ausschreibung und Realisierung

In Phase 4 werden die Bauleistungen ausgeschrieben, Offerten verglichen und Vergabeanträge gestellt — bei öffentlichen Bauherren nach Beschaffungsrecht, mit Publikation auf simap.ch oberhalb der Schwellenwerte. In der Realisierung entstehen zuerst die Ausführungspläne, dann das Bauwerk selbst; die Phase endet mit Inbetriebnahme, Abnahme, Mängelbehebung und Schlussabrechnung. Hier wechselt der Schwerpunkt der Projektsteuerung von Planung zu Koordination: Termine der Gewerke, Planlieferungen, Nachträge, Qualität auf der Baustelle.

Bewirtschaftung: der oft vergessene Teil

Die Phase 6 erinnert daran, dass ein Gebäude nach der Übergabe noch Jahrzehnte betrieben wird. Entscheidungen in früheren Phasen — Materialwahl, Gebäudetechnik, Zugänglichkeit — bestimmen die Betriebskosten. Deshalb lohnt es sich, Betrieb und Unterhalt schon in der Projektierung einzubeziehen.

SIA 112 und Projektmanagement verbinden

Das Leistungsmodell beschreibt, was in welcher Phase geleistet wird, aber nicht, wie ein Projekt gesteuert wird. Hier ergänzen sich Normen und Projektmanagement: Die Phasenübergänge eignen sich als Meilensteine mit klaren Entscheiden der Bauherrschaft, die Teilphasen als Gliederung des Terminplans. Für die öffentliche Hand liegt der Vergleich mit HERMES nahe — beide Modelle arbeiten mit Phasen und Entscheidungspunkten, auch wenn HERMES aus der Informatik stammt und SIA 112 aus dem Bau.

  • Meilensteine auf die Phasenübergänge legen, jeweils mit Kosten- und Terminstand.
  • Die Teilphasen als oberste Ebene des Terminplans verwenden.
  • Pro Teilphase festhalten, welche Planstände und Entscheide erwartet werden.
  • Risiken und offene Entscheide der Bauherrschaft an jedem Übergang explizit prüfen.

Häufige Fragen

Welche Phasen hat SIA 112?
Sechs: Strategische Planung, Vorstudien, Projektierung, Ausschreibung, Realisierung und Bewirtschaftung, jeweils mit Teilphasen.
Was ist Phase 32 nach SIA?
Die Teilphase Bauprojekt innerhalb der Projektierung. Das Projekt wird so weit ausgearbeitet, dass ein Kostenvoranschlag erstellt werden kann.
Wie hängen SIA 112 und SIA 102 zusammen?
SIA 112 beschreibt das Leistungsmodell mit Phasen und Teilphasen. Die Leistungs- und Honorarordnungen wie SIA 102 für Architekten beschreiben darauf aufbauend die Leistungen und deren Vergütung.
Ist SIA 112 mit HERMES vergleichbar?
Beide gliedern Projekte in Phasen mit Entscheidungspunkten. SIA 112 stammt aus dem Bau, HERMES aus Informatik und Verwaltung; die Prinzipien lassen sich gut kombinieren.