Zum Inhalt springen
projekttools.ch
Ratgeber

Zuschlagskriterien und Bewertung: Angebote vergleichbar machen

Ein Bewertungsschema, das vor der Publikation nie durchgerechnet wurde, produziert regelmässig ein Ergebnis, das niemand beabsichtigt hat.

9 Min. LesezeitVon Leutrim Miftaraj
Kurz gesagt

Zuschlagskriterien bewerten die Qualität der eingegangenen Angebote und müssen mit ihrer Gewichtung vor der Publikation bekanntgegeben werden. Entscheidend ist die gewählte Preisformel: Sie bestimmt oft stärker über das Ergebnis als die nominelle Gewichtung des Preises.

Kriterien wählen

Zuschlagskriterien müssen einen Bezug zum Auftrag haben und die Unterschiede zwischen den Angeboten abbilden, auf die es ankommt. Übliche Kriterien sind Preis, Qualität des Lösungsvorschlags, Vorgehen und Projektorganisation, Qualifikation der eingesetzten Personen sowie Betriebs- und Folgekosten.

Ein Kriterium, bei dem alle Angebote gleich abschneiden werden, ist nutzlos — es verwässert nur die Gewichtung der übrigen. Vor der Festlegung lohnt die Frage: Erwarte ich hier tatsächlich Unterschiede? Die folgenden Ausführungen sind allgemeiner Natur und ersetzen keine Rechtsberatung.

Gewichtung

Die Gewichtung drückt aus, worauf es ankommt. Sie gehört in die Unterlagen und darf nach der Publikation nicht geändert werden — nachträgliche Anpassungen erlauben es, das Ergebnis zu steuern, und sind entsprechend angreifbar.

AuftragsartPreisgewicht (Anhalt)Begründung
Standardleistung, klar spezifizierthochQualitätsunterschiede sind gering
Beratung, KonzeptionniedrigErgebnisqualität hängt an den Personen
SoftwareentwicklungmittelBeides relevant, Folgekosten beachten
Betrieb über mehrere JahremittelGesamtkosten über die Laufzeit statt Anschaffungspreis

Die Preisformel entscheidet mit

Ein oft übersehener Punkt: Die nominelle Preisgewichtung sagt allein wenig aus. Entscheidend ist zusätzlich, wie Preispunkte vergeben werden. Zwei verbreitete Formeln führen bei denselben Angeboten zu unterschiedlichen Siegern.

  • Lineare Formel mit Bezug zum tiefsten Preis: Das günstigste Angebot erhält die volle Punktzahl, teurere anteilig weniger. Preisunterschiede wirken moderat.
  • Formel mit steilerem Verlauf: Abweichungen vom tiefsten Preis werden überproportional bestraft. Der Preis dominiert dann faktisch, auch bei nomineller Gewichtung von zwanzig Prozent.

Deshalb gilt: Rechnen Sie das Schema vor der Publikation mit erfundenen Angeboten durch. Konstruieren Sie ein teures Spitzenangebot und ein günstiges Mittelmassangebot und schauen Sie, wer gewinnt. Wenn das Ergebnis Ihrer Absicht widerspricht, stimmt das Schema nicht — und das lässt sich jetzt noch ändern.

Der Test in zwanzig Minuten

Drei fiktive Angebote, einmal durchgerechnet. Diese zwanzig Minuten sind die wirksamste Qualitätssicherung im ganzen Verfahren — und werden fast nie gemacht.

Qualitative Kriterien bewertbar machen

«Qualität des Lösungsvorschlags» ist als Kriterium wertlos, solange nicht beschrieben ist, woran Qualität erkannt wird. Zu jedem qualitativen Kriterium gehört eine Bewertungsanleitung: Was muss ein Angebot enthalten, um die volle Punktzahl zu erhalten, was für die Hälfte?

Diese Anleitung dient zwei Zwecken. Sie macht die Bewertung nachvollziehbar, und sie sagt den Anbietern, worauf sie eingehen sollen — was die Qualität der eingehenden Angebote hebt. Beides spricht dafür, sie in die Unterlagen aufzunehmen statt sie intern zu behalten.

Bewertung im Gremium

Bewertet wird von mehreren Personen, üblicherweise zuerst unabhängig, dann gemeinsam abgeglichen. Der Abgleich ist der wichtigere Teil: Wo die Einschätzungen stark auseinandergehen, liegt entweder ein unterschiedliches Verständnis des Kriteriums vor oder eine Stelle im Angebot, die mehrdeutig ist.

Beides gehört protokolliert. Die Bewertungsdokumentation muss nachvollziehbar machen, warum ein Angebot welche Punktzahl erhielt — nicht nur, dass es sie erhielt. Diese Begründung ist zugleich die Grundlage für die Debriefings mit den unterlegenen Anbietern.

Nach dem Zuschlag

Zwischen Zuschlag und wirksamem Vertrag liegt die Beschwerdefrist. Ein Projektplan, der den Leistungsbeginn direkt an den Zuschlag koppelt, plant ein Risiko ein. Der Meilenstein sollte «Vertrag wirksam» lauten, nicht «Zuschlag erteilt».

Die Debriefings mit unterlegenen Anbietern sind kein lästiger Anhang, sondern Teil der Sorgfalt: Ein Anbieter, der nachvollziehen kann, warum er nicht gewonnen hat, beschwert sich seltener — und bietet beim nächsten Mal wieder an.

Diese Methode lässt sich in einem Projekt-Tool wie Flenio direkt abbilden — DACH-nativ und DSG-konform gehostet.

Häufige Fragen

Was sind Zuschlagskriterien?
Kriterien, nach denen die eingegangenen Angebote bewertet und verglichen werden — üblicherweise Preis, Qualität des Lösungsvorschlags, Vorgehen, Qualifikation der Personen und Folgekosten. Sie müssen mit ihrer Gewichtung vor der Publikation bekanntgegeben werden.
Wie stark sollte der Preis gewichtet werden?
Abhängig von der Auftragsart: bei klar spezifizierten Standardleistungen hoch, bei Beratung und Konzeption niedrig, weil dort die Ergebnisqualität an den Personen hängt. Wichtig ist zusätzlich die Preisformel — sie bestimmt oft stärker über das Ergebnis als die nominelle Gewichtung.
Wie prüft man ein Bewertungsschema vor der Publikation?
Mit drei fiktiven Angeboten durchrechnen — ein teures Spitzenangebot, ein günstiges Mittelmassangebot, ein mittleres. Widerspricht das Ergebnis der Absicht, stimmt das Schema nicht. Diese zwanzig Minuten sind die wirksamste Qualitätssicherung im Verfahren.