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Software-Auswahl

Projektmanagement-Software auswählen: die Kriterien, die zählen

Die meisten Auswahlverfahren vergleichen Funktionslisten. Die Entscheidung fällt aber an anderer Stelle: bei Arbeitsweise, Betriebsmodell und den Kosten nach dem dritten Jahr.

10 Min. LesezeitVon Leutrim Miftaraj
Kurz gesagt

Über den Erfolg einer PM-Software entscheiden vier Dinge: die Passung zur tatsächlichen Arbeitsweise, das Betriebs- und Datenhaltungsmodell, die Gesamtkosten über die Nutzungsdauer und die Ausstiegsfähigkeit. Funktionsvergleiche sind nachrangig, weil die meisten Anbieter denselben Funktionsumfang abdecken.

Warum Funktionslisten in die Irre führen

Der übliche Auswahlprozess beginnt mit einer Tabelle: dreissig Funktionen in der linken Spalte, fünf Anbieter in den Kopfzeilen, Häkchen dazwischen. Das Ergebnis ist vorhersehbar — alle Anbieter haben fast überall ein Häkchen, und die Entscheidung fällt dann nach Preis oder nach dem sympathischsten Vertrieb.

Der Grund ist Marktreife. Aufgabenverwaltung, Gantt, Kanban, Zeiterfassung, Berichte und Rechteverwaltung beherrscht praktisch jedes Produkt in diesem Segment. Die Unterschiede liegen nicht darin, ob eine Funktion existiert, sondern wie sie sich anfühlt, wie viel Konfiguration sie braucht und ob sie zu der Art passt, wie Ihre Leute tatsächlich arbeiten.

Die vier Kriterien mit echter Hebelwirkung

KriteriumWas zu prüfen istWarum es entscheidet
Passung zur ArbeitsweiseBilden zwei echte Projekte im Test abEin Tool, das gegen die Arbeitsweise arbeitet, wird umgangen
Betriebs- und DatenmodellWo liegen die Daten, wer hat Zugriff, welches Recht giltNachträglich nicht änderbar, oft compliance-relevant
Gesamtkosten über 3–5 JahreLizenzen, Einführung, Betrieb, Schulung, PreisentwicklungDer Lizenzpreis ist selten der grösste Posten
AusstiegsfähigkeitVollständiger Datenexport, offene Formate, AufwandBestimmt Ihre Verhandlungsposition in drei Jahren

Die letzte Zeile wird bei fast keiner Auswahl geprüft und ist die folgenreichste. Ein Anbieter, aus dem Sie Ihre Daten nicht brauchbar herausbekommen, kann die Preise erhöhen, ohne dass Sie eine Alternative haben. Die Frage «Wie kommen wir hier wieder raus?» gehört in die Ausschreibung, nicht in die Kündigungsdiskussion.

Passung testen statt beurteilen

Der wirksamste Schritt im ganzen Verfahren kostet zwei Tage: Nehmen Sie zwei reale Projekte — eines einfach, eines mit den typischen Sonderfällen Ihrer Organisation — und bilden Sie beide in jedem Testsystem vollständig ab. Nicht der Anbieter in einer Präsentation, sondern Ihre eigenen Leute.

Dabei zeigt sich, was keine Funktionsliste zeigt: Wie viele Klicks braucht ein Standardvorgang? Was passiert mit dem Sonderfall, den Ihre Organisation in jedem zweiten Projekt hat? Lassen sich die Berichte erzeugen, die Ihr Lenkungsausschuss tatsächlich verlangt — oder nur ähnliche?

Der Testfall, der am meisten aussagt

Bilden Sie die Nachbearbeitung ab: Ein Projekt läuft seit vier Monaten, jetzt ändern sich Termine, Verantwortliche und ein Teil des Umfangs. Der Umgang mit Änderungen unterscheidet Tools stärker als jede Neuanlage.

Gesamtkosten realistisch rechnen

KostenblockHäufig übersehen
LizenzenPreisstufen nach Nutzerzahl, jährliche Anpassungen
EinführungInterner Aufwand für Konfiguration und Datenübernahme
SchulungNicht nur initial — auch bei Personalwechsel laufend
IntegrationSchnittstellen zu ERP, Zeiterfassung, Verzeichnisdienst
BetriebAdministration, Rechteverwaltung, Support-Weiterleitung
AusstiegDatenexport, Migration, Parallelbetrieb

Rechnen Sie über fünf Jahre, nicht über eines. Bei nutzerbasierten Modellen lohnt zusätzlich ein Szenario mit Wachstum: Was kostet die Lösung, wenn aus vierzig Nutzern achtzig werden? Manche Preismodelle sind bei kleiner Nutzerzahl attraktiv und werden bei mittlerer Grösse zum teuersten Angebot im Feld.

Was in der Schweiz zusätzlich zählt

Zwei Kriterien haben hier ein anderes Gewicht als im umliegenden Ausland. Erstens die Datenhaltung: Ob Personendaten die Schweiz verlassen und welchem ausländischen Zugriffsrecht sie dadurch unterliegen, ist bei öffentlichen Auftraggebern und in regulierten Branchen häufig ein Ausschlusskriterium, kein Bewertungspunkt.

Zweitens die Mehrsprachigkeit. Ein Tool, das nur auf Englisch verfügbar ist, funktioniert in einem Kader-Team und scheitert, sobald die Sachbearbeitung damit arbeiten soll. Deutsch, Französisch und teils Italienisch in der Oberfläche sind in vielen Schweizer Organisationen keine Annehmlichkeit, sondern Voraussetzung für die Akzeptanz.

Reihenfolge des Vorgehens

  1. 01
    Arbeitsweise beschreibenWie arbeiten Sie heute, was soll bleiben, was sich ändern? Ohne diese Klärung bewerten Sie Tools gegen eine unausgesprochene Wunschvorstellung.
  2. 02
    Ausschlusskriterien festlegenDatenhaltung, Sprachen, Schnittstellen, Budgetrahmen. Was hier nicht erfüllt ist, kommt nicht in die engere Auswahl — unabhängig vom Rest.
  3. 03
    Marktübersicht auf 4–6 Kandidaten reduzierenMehr lässt sich nicht seriös testen. Die Reduktion erfolgt über die Ausschlusskriterien, nicht über Bauchgefühl.
  4. 04
    Zwei reale Projekte testenMit den eigenen Leuten, nicht in einer Anbieterpräsentation. Zwei Tage pro Kandidat.
  5. 05
    Gesamtkosten über fünf Jahre rechnenAlle sechs Kostenblöcke, mit einem Wachstumsszenario.
  6. 06
    Ausstieg prüfenExportieren Sie im Test tatsächlich alles und schauen Sie sich das Ergebnis an.

Häufige Fragen

Welche Kriterien sind bei der Auswahl von PM-Software am wichtigsten?
Passung zur tatsächlichen Arbeitsweise, Betriebs- und Datenhaltungsmodell, Gesamtkosten über drei bis fünf Jahre und die Ausstiegsfähigkeit. Funktionsvergleiche sind nachrangig, weil die meisten Anbieter denselben Umfang abdecken.
Wie testet man Projektmanagement-Software richtig?
Mit zwei realen Projekten — einem einfachen und einem mit den typischen Sonderfällen der Organisation —, abgebildet von den eigenen Leuten statt in einer Anbieterpräsentation. Besonders aussagekräftig ist die Nachbearbeitung eines laufenden Projekts.
Warum ist die Ausstiegsfähigkeit wichtig?
Weil sie Ihre Verhandlungsposition bestimmt. Ein Anbieter, aus dem sich die Daten nicht brauchbar exportieren lassen, kann Preise erhöhen, ohne dass eine Alternative besteht. Die Frage gehört in die Ausschreibung, nicht in die Kündigungsdiskussion.