Kanban beruht auf vier Grundprinzipien (bei bestehendem Vorgehen starten, evolutionäre Veränderung, Rollen respektieren, Führung auf allen Ebenen) und sechs Praktiken. Die wirksamste ist das WIP-Limit — ohne Begrenzung paralleler Arbeit ist ein Kanban-Board nur eine visualisierte Aufgabenliste.
Die vier Grundprinzipien
- 01Beginne mit dem, was du gerade tustKanban schreibt keine neuen Rollen oder Abläufe vor. Es wird auf das bestehende Vorgehen aufgesetzt und macht es zunächst nur sichtbar.
- 02Verfolge inkrementelle, evolutionäre VeränderungVerbesserungen entstehen schrittweise aus der Beobachtung, nicht durch eine Umstellung zu einem Stichtag.
- 03Respektiere bestehende Rollen und VerantwortlichkeitenTitel und Zuständigkeiten bleiben zunächst bestehen. Das senkt den Widerstand erheblich.
- 04Fördere Führung auf allen EbenenVerbesserungsvorschläge kommen von überall, nicht nur von der Leitung.
Der Unterschied zu Scrum liegt im ersten Prinzip. Scrum verlangt eine Umstellung — neue Rollen, neue Ereignisse, neuer Rhythmus. Kanban beginnt beim Ist-Zustand. Deshalb eignet es sich besonders für Bereiche, in denen eine Umstellung nicht durchsetzbar oder nicht sinnvoll ist: Support, Betrieb, Fachabteilungen mit laufendem Tagesgeschäft.
Die sechs Praktiken
| Praktik | Was sie bewirkt |
|---|---|
| Arbeit visualisieren | Macht sichtbar, woran tatsächlich gearbeitet wird — meist deutlich mehr als angenommen |
| Paralleles Arbeiten begrenzen (WIP) | Erzwingt Fertigstellen vor Anfangen; die wirksamste Praktik |
| Fluss steuern | Engpässe werden sichtbar und gezielt behoben |
| Regeln explizit machen | «Fertig» bedeutet für alle dasselbe |
| Rückkopplung einrichten | Regelmässige Besprechungen auf Basis der Daten, nicht der Eindrücke |
| Gemeinsam verbessern | Veränderung auf Basis von Messwerten statt Meinungen |
Warum WIP-Limits der Kern sind
Ein Kanban-Board ohne Begrenzung der parallelen Arbeit ist eine visualisierte Aufgabenliste. Sie macht Transparenz, ändert aber nichts am Verhalten. Die Verhaltensänderung entsteht erst durch die Regel, dass eine Spalte nur eine begrenzte Anzahl Karten aufnehmen darf.
Die Wirkung ist unmittelbar und unbequem: Wenn die Spalte voll ist, darf nichts Neues begonnen werden. Man muss zuerst etwas fertigstellen. Genau dieser Zwang behebt das häufigste Produktivitätsproblem in Wissensarbeit — zu viele parallel angefangene und keine abgeschlossene Sache.
WIP-Limits machen Engpässe sichtbar, indem Arbeit vor einer Stelle sichtbar liegen bleibt. Das wird oft als Anklage gegen diese Stelle gelesen. Es ist ein Systembefund — und wenn er als persönliche Kritik behandelt wird, werden die Limits wieder abgeschafft.
Kennzahlen
Kanban misst mit zwei Grössen. Die Durchlaufzeit gibt an, wie lange eine Aufgabe von Beginn bis Fertigstellung braucht. Der Durchsatz zählt, wie viele Aufgaben pro Zeiteinheit fertig werden. Beide werden gemessen, nicht geschätzt — das ist der wesentliche Unterschied zu aufwandsbasierten Verfahren.
Für Prognosen ist die Durchlaufzeit die brauchbarere Grösse, weil sie mit Streuung angegeben werden kann: «Achtzig Prozent unserer Aufgaben sind in höchstens neun Tagen fertig» ist eine belastbarere Aussage als ein Mittelwert und für Zusagen gegenüber Auftraggebern unmittelbar nutzbar.
Wann Kanban die bessere Wahl ist
Kanban passt besser als Scrum, wenn die Arbeit kontinuierlich eintrifft und nicht in Zyklen planbar ist — Support, Betrieb, Wartung, Anfragebearbeitung. Ebenso, wenn Prioritäten sich häufiger als alle zwei Wochen ändern, denn dann ist ein geschützter Sprint nicht durchhaltbar.
Umgekehrt ist Scrum überlegen, wenn ein Team an einem gemeinsamen Ziel arbeitet und regelmässige Rückkopplung mit Stakeholdern braucht. Die Kombination beider ist verbreitet und legitim: Scrum-Rhythmus mit WIP-Limits auf dem Sprint-Board ist eine der wirksamsten und am wenigsten aufwendigen Verbesserungen für Teams, die mit angefangener Arbeit überladen sind.
Häufige Fragen
- Was sind die Prinzipien von Kanban?
- Vier Grundprinzipien: mit dem bestehenden Vorgehen beginnen, inkrementelle evolutionäre Veränderung verfolgen, bestehende Rollen und Verantwortlichkeiten respektieren, Führung auf allen Ebenen fördern. Dazu kommen sechs Praktiken, darunter Visualisierung und WIP-Limits.
- Was ist ein WIP-Limit?
- Eine Obergrenze für die Anzahl Aufgaben, die sich gleichzeitig in einer Spalte befinden dürfen. Ist die Spalte voll, darf nichts Neues begonnen werden — man muss zuerst etwas fertigstellen. Ohne WIP-Limits ist ein Kanban-Board nur eine visualisierte Aufgabenliste.
- Wann ist Kanban besser als Scrum?
- Wenn Arbeit kontinuierlich eintrifft und nicht in Zyklen planbar ist — Support, Betrieb, Wartung — oder wenn Prioritäten sich häufiger als alle zwei Wochen ändern und ein geschützter Sprint deshalb nicht durchhaltbar wäre.