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Ratgeber

Die Prinzipien von Kanban und ihre Wirkung

Kanban wird oft auf ein Board mit Spalten reduziert. Das Board ist aber nur die sichtbare Oberfläche — die Wirkung entsteht aus den Begrenzungen, die die meisten Teams weglassen.

8 Min. LesezeitVon Leutrim Miftaraj
Kurz gesagt

Kanban beruht auf vier Grundprinzipien (bei bestehendem Vorgehen starten, evolutionäre Veränderung, Rollen respektieren, Führung auf allen Ebenen) und sechs Praktiken. Die wirksamste ist das WIP-Limit — ohne Begrenzung paralleler Arbeit ist ein Kanban-Board nur eine visualisierte Aufgabenliste.

Die vier Grundprinzipien

  1. 01
    Beginne mit dem, was du gerade tustKanban schreibt keine neuen Rollen oder Abläufe vor. Es wird auf das bestehende Vorgehen aufgesetzt und macht es zunächst nur sichtbar.
  2. 02
    Verfolge inkrementelle, evolutionäre VeränderungVerbesserungen entstehen schrittweise aus der Beobachtung, nicht durch eine Umstellung zu einem Stichtag.
  3. 03
    Respektiere bestehende Rollen und VerantwortlichkeitenTitel und Zuständigkeiten bleiben zunächst bestehen. Das senkt den Widerstand erheblich.
  4. 04
    Fördere Führung auf allen EbenenVerbesserungsvorschläge kommen von überall, nicht nur von der Leitung.

Der Unterschied zu Scrum liegt im ersten Prinzip. Scrum verlangt eine Umstellung — neue Rollen, neue Ereignisse, neuer Rhythmus. Kanban beginnt beim Ist-Zustand. Deshalb eignet es sich besonders für Bereiche, in denen eine Umstellung nicht durchsetzbar oder nicht sinnvoll ist: Support, Betrieb, Fachabteilungen mit laufendem Tagesgeschäft.

Die sechs Praktiken

PraktikWas sie bewirkt
Arbeit visualisierenMacht sichtbar, woran tatsächlich gearbeitet wird — meist deutlich mehr als angenommen
Paralleles Arbeiten begrenzen (WIP)Erzwingt Fertigstellen vor Anfangen; die wirksamste Praktik
Fluss steuernEngpässe werden sichtbar und gezielt behoben
Regeln explizit machen«Fertig» bedeutet für alle dasselbe
Rückkopplung einrichtenRegelmässige Besprechungen auf Basis der Daten, nicht der Eindrücke
Gemeinsam verbessernVeränderung auf Basis von Messwerten statt Meinungen

Warum WIP-Limits der Kern sind

Ein Kanban-Board ohne Begrenzung der parallelen Arbeit ist eine visualisierte Aufgabenliste. Sie macht Transparenz, ändert aber nichts am Verhalten. Die Verhaltensänderung entsteht erst durch die Regel, dass eine Spalte nur eine begrenzte Anzahl Karten aufnehmen darf.

Die Wirkung ist unmittelbar und unbequem: Wenn die Spalte voll ist, darf nichts Neues begonnen werden. Man muss zuerst etwas fertigstellen. Genau dieser Zwang behebt das häufigste Produktivitätsproblem in Wissensarbeit — zu viele parallel angefangene und keine abgeschlossene Sache.

Der unangenehme Nebeneffekt

WIP-Limits machen Engpässe sichtbar, indem Arbeit vor einer Stelle sichtbar liegen bleibt. Das wird oft als Anklage gegen diese Stelle gelesen. Es ist ein Systembefund — und wenn er als persönliche Kritik behandelt wird, werden die Limits wieder abgeschafft.

Kennzahlen

Kanban misst mit zwei Grössen. Die Durchlaufzeit gibt an, wie lange eine Aufgabe von Beginn bis Fertigstellung braucht. Der Durchsatz zählt, wie viele Aufgaben pro Zeiteinheit fertig werden. Beide werden gemessen, nicht geschätzt — das ist der wesentliche Unterschied zu aufwandsbasierten Verfahren.

Für Prognosen ist die Durchlaufzeit die brauchbarere Grösse, weil sie mit Streuung angegeben werden kann: «Achtzig Prozent unserer Aufgaben sind in höchstens neun Tagen fertig» ist eine belastbarere Aussage als ein Mittelwert und für Zusagen gegenüber Auftraggebern unmittelbar nutzbar.

Wann Kanban die bessere Wahl ist

Kanban passt besser als Scrum, wenn die Arbeit kontinuierlich eintrifft und nicht in Zyklen planbar ist — Support, Betrieb, Wartung, Anfragebearbeitung. Ebenso, wenn Prioritäten sich häufiger als alle zwei Wochen ändern, denn dann ist ein geschützter Sprint nicht durchhaltbar.

Umgekehrt ist Scrum überlegen, wenn ein Team an einem gemeinsamen Ziel arbeitet und regelmässige Rückkopplung mit Stakeholdern braucht. Die Kombination beider ist verbreitet und legitim: Scrum-Rhythmus mit WIP-Limits auf dem Sprint-Board ist eine der wirksamsten und am wenigsten aufwendigen Verbesserungen für Teams, die mit angefangener Arbeit überladen sind.

Häufige Fragen

Was sind die Prinzipien von Kanban?
Vier Grundprinzipien: mit dem bestehenden Vorgehen beginnen, inkrementelle evolutionäre Veränderung verfolgen, bestehende Rollen und Verantwortlichkeiten respektieren, Führung auf allen Ebenen fördern. Dazu kommen sechs Praktiken, darunter Visualisierung und WIP-Limits.
Was ist ein WIP-Limit?
Eine Obergrenze für die Anzahl Aufgaben, die sich gleichzeitig in einer Spalte befinden dürfen. Ist die Spalte voll, darf nichts Neues begonnen werden — man muss zuerst etwas fertigstellen. Ohne WIP-Limits ist ein Kanban-Board nur eine visualisierte Aufgabenliste.
Wann ist Kanban besser als Scrum?
Wenn Arbeit kontinuierlich eintrifft und nicht in Zyklen planbar ist — Support, Betrieb, Wartung — oder wenn Prioritäten sich häufiger als alle zwei Wochen ändern und ein geschützter Sprint deshalb nicht durchhaltbar wäre.