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Ratgeber

Projektfortschritt messen: Verfahren jenseits der Prozentangabe

«Zu achtzig Prozent fertig» ist die verbreitetste und unbrauchbarste Fortschrittsangabe im Projektmanagement. Sie beruht auf Selbsteinschätzung und lässt sich nicht überprüfen.

9 Min. LesezeitVon Leutrim Miftaraj
Kurz gesagt

Selbsteingeschätzte Prozentangaben sind als Fortschrittsmass unbrauchbar, weil sie nicht überprüfbar sind und typischerweise lange bei neunzig Prozent verharren. Belastbarer sind binäre Verfahren wie 0/100 oder die Messung fertiggestellter Ergebnisse gegen den Plan.

Das Problem mit Prozentangaben

Die Frage «wie weit bist du?» erzeugt eine Zahl, die niemand prüfen kann. Sie beruht auf einer Selbsteinschätzung, und die ist systematisch verzerrt: Der einfache Teil wird zuerst erledigt und erzeugt schnell hohe Prozentwerte, der schwierige Rest zieht sich.

Daraus entsteht das bekannte Muster: Ein Arbeitspaket steht drei Wochen bei neunzig Prozent. Die verbleibenden zehn Prozent enthalten die Integration, die Tests und die Abnahme — also den unsicheren Teil. Der Prozentwert hat in diesem Moment jede Aussagekraft verloren.

Belastbarere Verfahren

VerfahrenVorgehenPasst bei
0/100Erst bei Abschluss zählt es, vorher nullKurzen Arbeitspaketen unter einer Berichtsperiode
50/50Bei Beginn die Hälfte, bei Abschluss der RestMittleren Paketen über mehrere Perioden
MeilensteintechnikDefinierte Zwischenergebnisse mit festen AnteilenGrossen Paketen mit klaren Etappen
MengenproportionalAnteil erledigter Einheiten von der GesamtmengeZählbaren Arbeiten: Schnittstellen, Datensätze, Standorte

Das 0/100-Verfahren wirkt grob und ist das ehrlichste. Es bildet ab, dass ein nicht abgeschlossenes Arbeitspaket keinen gesicherten Wert liefert. Voraussetzung ist ein Schnitt, bei dem Pakete nicht länger als eine Berichtsperiode dauern — was ohnehin gute Praxis ist.

Die einzige verlässliche Frage

Nicht «wie weit bist du?», sondern «was ist fertig und abgenommen?». Die erste Frage erzeugt eine Schätzung, die zweite eine Tatsache.

Earned Value in Kurzform

Earned Value verbindet Termin- und Kostenabweichung in einem Modell. Drei Grössen zu einem Stichtag: der geplante Wert der bis dahin vorgesehenen Arbeit, der Fertigstellungswert der tatsächlich geleisteten Arbeit und die tatsächlichen Kosten.

  • Fertigstellungswert minus geplanter Wert ergibt die Terminabweichung in Geldeinheiten — negativ heisst im Rückstand.
  • Fertigstellungswert minus Ist-Kosten ergibt die Kostenabweichung — negativ heisst teurer als geplant.
  • Aus beiden lassen sich Indizes bilden, mit denen sich der Endstand hochrechnen lässt.

Der Nutzen liegt in der Verbindung. Ein Projekt, das im Budget liegt, kann trotzdem im Rückstand sein — es hat einfach weniger geleistet als geplant. Diese Kombination macht keine der beiden Einzelbetrachtungen sichtbar.

Die Voraussetzung ist allerdings anspruchsvoll: ein vollständiger PSP, geschätzte Werte je Arbeitspaket und eine verlässliche Ist-Kostenerfassung. Fehlt eines davon, produziert Earned Value präzise wirkende Zahlen auf unsicherer Grundlage — was schlechter ist als eine ehrliche Schätzung.

Was in kleineren Projekten genügt

Für die meisten Projekte reicht eine einfachere Kombination: Anteil abgeschlossener Arbeitspakete gegen den Plan, Meilensteintrendanalyse für die Termintendenz, verbrauchtes gegen geplantes Budget. Diese drei Angaben beantworten die wesentlichen Fragen ohne den Apparat von Earned Value.

Entscheidend ist weniger das Verfahren als die Konsequenz in der Anwendung. Ein einfaches Verfahren, konsequent über zwölf Monate geführt, liefert brauchbare Trends. Ein anspruchsvolles Verfahren, das nach drei Perioden einschläft, liefert nichts.

Fortschritt und Restaufwand

Die aussagekräftigere Frage als «wie viel ist erledigt» lautet «wie viel bleibt». Beides ist nicht dasselbe: Ein Arbeitspaket kann zu achtzig Prozent erledigt sein und trotzdem noch den doppelten ursprünglichen Restaufwand benötigen, weil sich der Umfang als grösser erwiesen hat.

Die Restaufwandschätzung sollte deshalb bei jeder Aktualisierung neu erfolgen — nicht als Differenz aus Plan und Ist, sondern als eigenständige Einschätzung. Die Differenz zwischen beiden Werten ist selbst eine Information: Sie zeigt, ob die ursprüngliche Schätzung trägt.

Häufige Fragen

Warum sind Prozentangaben zum Projektfortschritt problematisch?
Weil sie auf nicht überprüfbarer Selbsteinschätzung beruhen und systematisch verzerrt sind: Der einfache Teil wird zuerst erledigt, der schwierige Rest zieht sich. Daraus entsteht das Muster, bei dem Arbeitspakete wochenlang bei neunzig Prozent stehen.
Welche Verfahren zur Fortschrittsmessung sind belastbarer?
Binäre Verfahren wie 0/100 (erst bei Abschluss zählt es), 50/50, die Meilensteintechnik mit definierten Zwischenergebnissen oder mengenproportionale Messung bei zählbaren Arbeiten.
Was ist Earned Value?
Ein Verfahren, das geplanten Wert, Fertigstellungswert und Ist-Kosten zu einem Stichtag vergleicht und daraus Termin- und Kostenabweichung ableitet. Es setzt einen vollständigen PSP, geschätzte Werte je Arbeitspaket und verlässliche Ist-Kostenerfassung voraus.