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Methode

HERMES: Die Schweizer Projektmanagement-Methode verstehen

HERMES ist die offizielle Projektmanagement-Methode der Schweizer Bundesverwaltung und weit darüber hinaus im Einsatz. Dieser Leitfaden erklärt Aufbau, Szenarien, Rollen und die häufig unterschätzte Verbindung zu agilem Arbeiten.

9 Min. LesezeitVon Leutrim Miftaraj

Was HERMES ist

HERMES ist eine standardisierte Projektmanagement-Methode, die ursprünglich für die Schweizer Bundesverwaltung entwickelt wurde und heute in Kantonen, Gemeinden, Bildungseinrichtungen und Unternehmen verbreitet ist. Sie gibt einen klaren Rahmen aus Phasen, Modulen, Aufgaben, Rollen und Ergebnissen vor — und lässt sich zugleich an das konkrete Projekt anpassen. Der Name steht für eine offene, frei verfügbare Methode, deren Nutzung keine Lizenzkosten verursacht.

Der Kerngedanke ist einfach: Nicht jedes Projekt braucht denselben Ablauf. Ein Infrastrukturvorhaben unterscheidet sich grundlegend von einer Softwareentwicklung oder der Beschaffung einer Standardlösung. HERMES bietet deshalb Szenarien, die den Methodenkern auf den jeweiligen Projekttyp zuschneiden, ohne dass jede Organisation das Rad neu erfinden muss.

Was HERMES besonders macht, ist die Balance aus Standardisierung und Anpassbarkeit. Die Methode liefert genug Struktur, um Projekte nachvollziehbar und vergleichbar zu führen, lässt aber genug Spielraum, um sie an Grösse und Komplexität des Vorhabens anzupassen. Dieses Tailoring ist kein optionales Extra, sondern ein zentraler Schritt jeder HERMES-Anwendung.

Die Szenarien im Detail

Ein Szenario bestimmt, welche Phasen und Module ein Projekt durchläuft. Es ist gewissermassen die Vorlage, die den generischen Methodenkern in einen konkreten Projektablauf übersetzt. Zu den gängigen Standard-Szenarien zählen:

  • Individualentwicklung — eine massgeschneiderte Lösung wird neu gebaut, mit eigenen Phasen für Konzept, Realisierung und Test.
  • Standardanwendung — ein bestehendes Produkt wird beschafft und eingeführt; der Fokus liegt auf Auswahl, Anpassung und Migration statt Eigenentwicklung.
  • Anpassung einer Standardanwendung — Beschaffung mit erheblichem Entwicklungsanteil, also eine Mischform.
  • Dienstleistung und Produkt — für Vorhaben ausserhalb der reinen Softwarewelt.
  • Infrastruktur — für den Aufbau oder die Erneuerung technischer Infrastruktur.

Die Wahl des richtigen Szenarios ist einer der ersten und wichtigsten Schritte. Sie entscheidet darüber, welche Ergebnisse erwartet werden und welche Aufgaben anfallen. Wer hier falsch wählt, schleppt entweder unnötigen Ballast mit oder lässt wichtige Schritte aus.

Werkzeug

Unser HERMES-Szenario-Finder gibt anhand von drei Fragen eine begründete Orientierung, welches Szenario zu Ihrem Vorhaben passt — als schneller Ausgangspunkt für das Tailoring.

Phasen und Meilensteine

HERMES strukturiert Projekte in aufeinanderfolgende Phasen, die jeweils mit einem Entscheid — einem Meilenstein — abgeschlossen werden. Typisch sind die Phasen Initialisierung, Konzept, Realisierung und Einführung. Jede Phase hat definierte Ergebnisse, die vorliegen müssen, bevor die nächste beginnt.

Die Meilensteine sind das Rückgrat der Steuerbarkeit. An jedem Meilenstein wird bewusst entschieden, ob das Projekt fortgesetzt, angepasst oder gestoppt wird. Diese definierten Entscheidungspunkte sind ein wesentlicher Grund für die Nachvollziehbarkeit der Methode — und der Hauptunterschied zu Ansätzen, die ohne klare Tore auskommen.

Module als Bausteine

Innerhalb der Phasen organisiert HERMES die Arbeit in Modulen. Ein Modul bündelt thematisch zusammengehörige Aufgaben und Ergebnisse — etwa Beschaffung, Test oder Migration. Module machen die Methode flexibel: Je nach Szenario und Projektgrösse werden bestimmte Module aktiviert oder weggelassen.

Die Rollen in HERMES

HERMES definiert klare Rollen in drei Stammorganisationen: Auftraggeber, Anwender und Ersteller. Diese Trennung sorgt dafür, dass Verantwortung, Nutzung und Umsetzung nicht vermischt werden — ein Prinzip, das sich auch ausserhalb von HERMES bewährt.

  • Auftraggeber — verantwortet das Projekt, stellt Mittel bereit und trifft die Meilenstein-Entscheide.
  • Anwender — vertritt die spätere Nutzung und bringt fachliche Anforderungen ein.
  • Ersteller — setzt die Lösung um, also Entwicklung, Beschaffung oder Bau.

Zentrale Rolle ist die Projektleitung, die das Vorhaben operativ steuert. Klar definierte Rollen verhindern das häufigste Projektproblem: unklare Verantwortung. Wer für was zuständig ist, lässt sich zusätzlich mit einer RACI-Matrix schärfen.

HERMES und agiles Arbeiten

Ein hartnäckiges Missverständnis lautet, HERMES sei rein plangetrieben und mit Agilität unvereinbar. Das Gegenteil stimmt: HERMES erlaubt agiles Vorgehen ausdrücklich. Die Methode liefert den Steuerungsrahmen, während die eigentliche Umsetzung iterativ in Releases erfolgen kann.

Gerade in regulierten Umfeldern ist diese Kombination wertvoll. Sie verbindet die Nachvollziehbarkeit, die etwa im öffentlichen Sektor gefordert ist, mit der Anpassungsfähigkeit agiler Methoden. In der Praxis bedeutet das oft: HERMES gibt die Phasen und Meilensteine vor, während innerhalb der Realisierungsphase mit Scrum oder Kanban gearbeitet wird.

HERMES schreibt nicht vor, wie schnell oder iterativ geliefert wird — es schreibt vor, dass Entscheidungen nachvollziehbar getroffen werden.Grundgedanke der Methode

Wann HERMES passt — und wann nicht

HERMES spielt seine Stärken aus, wenn Nachvollziehbarkeit, klare Rollen und definierte Entscheidungspunkte gefragt sind — etwa bei öffentlichen Projekten, Beschaffungen oder grösseren Vorhaben mit mehreren Stakeholdern. Die Methode schafft Vergleichbarkeit über Projekte hinweg und erleichtert Audits.

Für sehr kleine, explorative Vorhaben kann ein rein agiler Ansatz schlanker sein. HERMES entfaltet seinen Wert dort, wo Struktur einen echten Nutzen bringt, und kann bei Kleinstprojekten als Overhead empfunden werden. Die gute Nachricht: Durch konsequentes Tailoring lässt sich HERMES auch für kleinere Vorhaben auf ein sinnvolles Mass reduzieren.

Erste Schritte mit HERMES

  1. 01
    Szenario bestimmenKlären Sie den Projekttyp und wählen Sie das passende Szenario als Ausgangspunkt.
  2. 02
    Tailoring durchführenPassen Sie Phasen, Module und Ergebnisse an Grösse und Komplexität Ihres Projekts an.
  3. 03
    Rollen besetzenBenennen Sie Auftraggeber, Anwender, Ersteller und Projektleitung eindeutig.
  4. 04
    Meilensteine planenLegen Sie die Entscheidungspunkte fest, an denen über den Fortgang entschieden wird.

Häufige Fragen

Ist HERMES nur für die öffentliche Verwaltung?
Nein. HERMES wurde für die Bundesverwaltung entwickelt, wird aber auch von Kantonen, Gemeinden und privaten Unternehmen genutzt — überall dort, wo strukturierte, nachvollziehbare Projektführung gefragt ist.
Kostet HERMES etwas?
Die Methode selbst ist frei verfügbar. Es fallen keine Lizenzkosten für die Nutzung der Methode an. Kosten entstehen nur indirekt durch Schulung oder unterstützende Werkzeuge.
Lässt sich HERMES mit Scrum kombinieren?
Ja. HERMES gibt den übergeordneten Rahmen mit Phasen und Meilensteinen vor, innerhalb dessen agil — etwa mit Scrum — gearbeitet werden kann. Das ist in der Praxis ein verbreitetes Modell.
Was ist der Unterschied zwischen Szenario und Modul?
Ein Szenario legt den gesamten Projektablauf fest (welche Phasen und Module). Ein Modul ist ein einzelner Baustein innerhalb der Phasen, der thematisch zusammengehörige Aufgaben bündelt.