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Ratgeber

Scrum ohne dedizierten Scrum Master: geht das?

Der Scrum Master gilt als unverzichtbare Rolle — und ist doch in vielen Teams nicht als eigene Stelle besetzt. Die ehrliche Frage ist nicht, ob man die Rolle streichen darf, sondern ob und wie ihre Funktionen anders erfüllt werden können.

7 Min. LesezeitVon Leutrim Miftaraj
Kurz gesagt

Scrum ohne dedizierten Scrum Master ist möglich, wenn dessen Funktionen anders abgedeckt werden: Hindernisse räumen, den Prozess pflegen und schützen, die Zusammenarbeit und kontinuierliche Verbesserung fördern, das Team vor Störungen abschirmen. In reifen, selbstorganisierten Teams kann das Team diese Funktionen teilen; in unerfahrenen oder konfliktreichen Teams fehlt die Rolle schmerzlich. Die Frage ist nicht «Rolle ja/nein», sondern «werden die Funktionen erfüllt?».

Rolle und Funktion trennen

Die Debatte «braucht man einen Scrum Master?» führt in die Irre, solange sie Rolle und Funktion verwechselt. Der Scrum Master ist eine benannte Rolle; wichtiger als die Rolle sind die Funktionen, die sie erfüllt: Hindernisse aus dem Weg räumen, damit das Team arbeiten kann; den Prozess pflegen und vor Erosion schützen; die kontinuierliche Verbesserung und gute Zusammenarbeit fördern; das Team vor Störungen und übergriffigen Ansprüchen von aussen abschirmen; bei Konflikten und Blockaden vermitteln. Diese Funktionen müssen erfüllt werden, damit Scrum funktioniert — ob durch eine dedizierte Person oder anders, ist eine sekundäre Frage. Die richtige Frage lautet deshalb nicht «Scrum Master ja oder nein?», sondern «werden diese Funktionen in unserem Team erfüllt, und wenn ja, durch wen?». Wer so fragt, findet die für sein Team passende Antwort statt einer dogmatischen.

Wann es ohne dedizierte Rolle geht

In manchen Konstellationen kann ein Team die Scrum-Master-Funktionen ohne eigene Rolle abdecken. Das setzt Reife voraus: ein erfahrenes, selbstorganisiertes Team, das seinen Prozess versteht und pflegt, Hindernisse selbst adressiert, offen kommuniziert und Konflikte konstruktiv löst. Solche Teams teilen die Funktionen unter sich auf oder nehmen sie kollektiv wahr — die Prozesspflege liegt bei allen, das Hindernis-Räumen übernimmt, wer am nächsten dran ist, die Verbesserung treibt das Team gemeinsam. Auch kann eine Person die Funktionen nebenbei übernehmen, ohne dass es ihre Hauptrolle ist. Voraussetzung ist immer, dass die Funktionen bewusst wahrgenommen werden und nicht zwischen den Stühlen verschwinden. Das grösste Risiko beim Verzicht auf die Rolle ist genau das: dass sich niemand zuständig fühlt und die Funktionen schleichend verwaisen — der Prozess erodiert, Hindernisse bleiben liegen, die Verbesserung schläft ein. Wer ohne Rolle arbeitet, muss deshalb aktiv sicherstellen, dass die Funktionen erfüllt werden.

Wann die Rolle fehlt

  • In unerfahrenen Teams: Wo Scrum neu ist und die Selbstorganisation erst wächst, ist eine dedizierte Person wertvoll, die den Prozess lehrt, schützt und vorlebt — ohne sie verkommt Scrum leicht zur Zeremonie ohne Geist.
  • In konfliktreichen Teams: Wo es Spannungen gibt, braucht es jemanden mit dem expliziten Auftrag, zu vermitteln und die Zusammenarbeit zu fördern — das Team allein schafft das oft nicht.
  • Bei starkem Aussendruck: Wo das Team ständig von aussen gestört, umpriorisiert und überlastet wird, ist die abschirmende Funktion des Scrum Masters besonders wichtig — sie zu übernehmen erfordert Standing, das im Team verteilt oft fehlt.
  • Wo Hindernisse Macht brauchen: Manche Hindernisse (organisatorische Blockaden, Ressourcenkonflikte) erfordern jemanden, der sie mit Nachdruck adressiert — eine dedizierte Rolle hat dafür mehr Gewicht.

Die ehrliche Entscheidung

Die Entscheidung über die Scrum-Master-Rolle sollte ehrlich getroffen werden, nicht aus Sparzwang verkleidet als Prinzip. Oft wird die Rolle gestrichen, um Kosten zu sparen, und das Team soll die Funktionen «nebenbei» mitmachen — mit dem Ergebnis, dass sie schlecht oder gar nicht erfüllt werden und Scrum langsam erodiert. Das ist keine schlanke Selbstorganisation, sondern verdeckte Vernachlässigung. Die ehrliche Frage lautet: Kann unser Team die Funktionen wirklich abdecken — reif, willens, mit genug Zeit und Standing? Wenn ja, kann der Verzicht auf die dedizierte Rolle sinnvoll sein. Wenn nein, fehlt die Rolle, und das gehört benannt statt schöngeredet. Ein pragmatischer Mittelweg ist die Teilzeit- oder geteilte Scrum-Master-Rolle: nicht null und nicht voll, sondern jemand mit explizitem Auftrag und angemessener Zeit. Entscheidend bleibt: Die Funktionen müssen erfüllt werden — wie, ist verhandelbar, dass, nicht. Wer die Rolle streicht und hofft, dass es sich schon regelt, hat meist bald das Problem, das die Rolle verhindert hätte.

Praxis

Der Funktions-Check statt der Rollen-Debatte: die vier Kernfunktionen (Hindernisse räumen, Prozess pflegen, Verbesserung fördern, abschirmen) durchgehen und für jede fragen: Wer erfüllt sie in unserem Team — verlässlich? Bleibt eine unbeantwortet, ist dort die Lücke, unabhängig davon, ob jemand den Titel trägt.

Diese Methode lässt sich in einem Projekt-Tool wie Flenio direkt abbilden — DACH-nativ und DSG-konform gehostet.

Häufige Fragen

Kann der Product Owner auch Scrum Master sein?
Davon wird abgeraten — die Rollen haben teils gegensätzliche Interessen: Der Product Owner drängt auf Ergebnisse und Umfang, der Scrum Master schützt Team und Prozess. Eine Person in beiden Rollen gerät in Interessenkonflikt und kann keine der beiden gut ausfüllen. Wenn schon Personalunion, dann eher eine andere Kombination.
Kann die Führungskraft die Scrum-Master-Rolle übernehmen?
Heikel — der Scrum Master soll dienend führen und das Team schützen, auch vor Ansprüchen von oben; eine disziplinarische Führungskraft in der Rolle untergräbt die psychologische Sicherheit und die Selbstorganisation. Das Team meldet Probleme ungern jemandem, der es beurteilt. Besser eine neutrale Person oder die verteilte Wahrnehmung im Team.
Was ist das erste Zeichen, dass die fehlende Rolle zum Problem wird?
Wenn Hindernisse liegen bleiben und der Prozess erodiert: Retrospektiven fallen aus, Verbesserungen werden nicht umgesetzt, Blockaden bleiben ungelöst, das Team wird von aussen ungeschützt umpriorisiert. Diese Zeichen bedeuten, dass die Funktionen nicht erfüllt werden — dann braucht es entweder die Rolle oder eine klare Neuverteilung ihrer Aufgaben.